Reisen mit Kindern und Mozarts Vater

Als wir vor 5 Wochen in unsere Langzeitreise starteten, machten wir uns eigentlich gar keine großen Gedanken darüber. Über das, was das Reisen mit Kindern so macht. Vor allem, wenn es so lange ist. Klar hatten wir so unsere Sorgen und Ängste. In erster Linie unsere Kinder betreffend, nämlich ob Marie den Kindergarten und ihre Freunde und Familie sehr vermissen würde? Ob Liam vielleicht sehr krank werden würde? Oder wir Eltern? Ob unsere Finanzen ausreichen würden? Ob wir zu irgendeinem Zeitpunkt völlig ins Zweifeln geraten würden, darüber, was denn eigentlich der Sinn hinter dieser  Sache sei? Ob unsere Entscheidung gut war?

Ja, wir hatten, und haben bestimmte Ängste noch immer. Alle Eltern haben sie ständig, die kleinen und großen Sorgen im Alltag mit Kindern. Wir hatten uns aber entschieden, unser Leben nicht von unseren Ängsten bestimmen zu lassen. Wir wollen unser Leben von unseren Träumen bestimmen lassen. Deshalb trafen wir diese Entscheidung für uns – und für unsere Kinder. Und da sind wir jetzt: Unterwegs im Wohnmobil Richtung Portugal und das nun seit gut 5 Wochen!

Reisen mit Kindern im Wohnmobil

©️Kolibri&Bär

Es fühlt sich tatsächlich schon viel länger an, das Unterwegssein. Wahrscheinlich, weil es mit Kindern doch wieder ganz anders ist, das Reisen. Und weil wir oft täglich an neuen Orten parken, bestaunen, Anspannungen loslassen und wieder aufs Neue aufbrechen. In Wahrheit ist es derzeit ganz schön anstrengend. Mit den Kindern kommen wir einfach nicht besonders schnell voran und das wiederum kostet natürlich mehr Geld, weil wir öfter Stellplätze suchen müssen und mehr Sprit verfahren oder weil wir dann doch einmal öfter einen Campingplatz anfahren, als wir ursprünglich wollten. Das alles kostet unglaublich viel Nerven. Als wir an unserem ersten bekannten Ziel in Galizien am Strand einparken, kommen mir die ersten Zweifel, was unsere Entscheidung anbelangt. Und zwar vorrangig der Kinder wegen.

Philipp und ich gehen uns schon mehrere Tage hintereinander unglaublich auf die Nerven. Wir sind beide gestresst und körperlich erschöpft. Philipp wegen des Autofahrens, ich wegen dem Kids-Handling im Auto und unterwegs. Alles ist mir zu umständlich, anstrengend, unpraktisch. Philipp geht alles zu langsam, empfindet alles als chaotisch und ungeordnet. Es liegen heiße Tage ohne eine kühlende Brise hinter uns und Landschaften, die das freie Stehen mit dem Wohnmobil für uns sehr erschweren. Trotz all dem, wollten wir keinen mehrtägigen Stopp in Frankreichs Bourgogne oder Dordogne oder Bourdeaux machen, sondern möglichst rasch hinter uns lassen um an den Atlantik zu kommen. Wir wollten endlich wieder das Salz riechen, den Sand auf unserer Haut spüren und dem Meer zusehen, wie es seine Wellen spielen lässt.

Wie auch immer. Etwas trieb uns voran und es war unglaublich schwierig mit den Kindern. Vor allem Marie spiegelt uns stets in Sekundenschnelle sehr deutlich unsere eigenen Anspannungen, unsere Wut und Aggressionen, die sich bei uns innerlich anstauen.

Als Marie eines morgens aufwacht und fast beiläufig sagt: „Papa, ich bin traurig weil ich meine Freunde im Kindergarten schon so lange nicht mehr gesehen habe!“, da knick ich erstmal ein. Später setze ich mich an den Strand in Galizien und grüble über den Sinn vom Langzeitreisen mit Kindern, ob es ihnen nicht doch auch den einen oder anderen Schaden zufügt?

Bei meinen kleinen Internetrecherchen, die mir mein mobiles Datenvolumen erlaubt, stoße ich auf ein paar sehr interessante und durchwegs positive Fakten, die das Reisen mit Kindern angeht.

Reisen mit Kindern und ihre Welt

©️Kolibri&Bär

Ich lese ein Interview mit der bekannten Entwicklungspsychologin Gabriele Haug-Schnabel. Darin lerne ich, wie fundamental unsere Kinder von Familienreisen ins Ausland profitieren: Die Orte, also die Welt um Marie und Liam herum, verändern sich ständig, wir Eltern und unsere Nähe zu ihnen bleiben und unser Wohnmobil bleibt auch  – dadurch lernen sie, dass Veränderung nichts Schlimmes sein muss. Sie lernen neue Nahrung kennen, werden offener für jegliche Art von Erlebnissen, selbst über die Muttermilch werden neue Geschmäcker dem Kind weitergegeben. Genial, nicht wahr? Marie beispielsweise isst seit unserer Reise neue Gerichte und probiert neues Gemüse zumindest mal. Oft schmeckt es ihr dann und sie will eine ganze Portion davon haben. (Alle, die Marie kennen, wissen, wie streng sie zuhause nach dem Trennkostprinzip gegessen hat: Wenn Gemüse, dann nur ganz bestimmtes und in einer bestimmten Art zubereitet, niemals vermischt…).

Zu dem Thema Stress auf Reisen mit Kindern lese ich, dass ein wenig davon den Kindern nicht schade, man könne ihnen ruhig auch was zumuten, das mache sie nur stärker! Über diesen Satz freue ich mich besonders und stöbere weiter nach „Reisen und Kindheit“..

Mozarts Vater, das Reisen mit Kinder und Freilernertum

Dabei stoße ich auf eine ganze Ergebnisliste von Artikeln und Biografien zu dem österreichischen Musiker- und Komponistengenie Wolfgang Amadeus Mozart. Anscheinend begab sich „Wolferl“ schon mit zarten sechs Jahren auf seine erste Kunstreise mit dem Vater. Wenn ich bedenke, dass es das Jahr 1762 war, erscheint es mir ganz schön fortschrittlich. Und tatsächlich war Mozarts Kindheit genau zum Beginn der epochalen Wende von der Aufklärung zur Romantik (1760-1820). Eine Zeit, in der gesellschaftliche Normen beginnen sich zu ändern und die individuellen, menschlichen Bedürfnisse und Selbstliebe in den Mittelpunkt zu rücken. Plötzlich fühle ich mich Mozarts Vater eigenartig eng verbunden…

„Ob Mozart Junior und unsere Kinder etwas gemeinsam haben?“

frage ich mich schmunzelnd und gebe zu, dass mir dieses Beispiel gefällt und mich auch wieder zurück in meine Mitte bringt, an den Strand in Galizien. Dann lese ich weiter und lerne, dass Mozart nie eine Schule oder eine Universität besuchte, sondern durch seine Kompositionen eine Art Externistenprüfung absolvierte und so erfolgreich die Schule abschloss. Also auch das Thema Freilernen, was uns seit fast 2 Jahren sehr beschäftigt wird mit Mozarts Biografie in ein sehr positives Licht gerückt. Insgesamt war Mozart wohl beinahe ein Drittel seines Lebens auf Reisen – und das, trotz der unbequemen Kutschen, die es zu seiner Zeit gab. Da ist unser Wohnmobil wohl ein Luxusschlitten!

Wolferl war nicht der einzige berühmte Österreicher, der vom Reisen profitierte. Auch Sissi, Kaiserin Elisabeth, war für ihre Weltreisen – allerdings schon im Erwachsenenalter – bekannt. Neben Europa bereiste sie in den Jahren 1860-1890 auch Nordafrika und Kleinasien. Wohnmobil hatte sie sicherlich auch keins…

Die Liste ließe sich sicherlich unendlich fortführen. Immerhin finde ich noch Johann Wolfgang von Goethe und Che Guevara als Beispiele, bevor das Internet wieder den Geist aufgibt und mich daran erinnert, dass ich mich besser darum bemühe im Hier und Jetzt und bei meinem Kindern zu sein…

Insgeheim bin ich froh ausgerechnet auf Mozart und Sissi als Reisevorbilder gestoßen zu sein. Das lässt mich als unpatriotische Österreicherin im Ausland doch auch so etwas wie stolz auf die Herkunft fühlen. 😉

©️Kolibri&Bär

Ruhig und zuversichtlich schließe ich für heute den Computer und laufe zu meinen Kindern, die mit den neu gefundenen Surfer-Freunden schon am Strand sind. Unsere Entscheidung war definitv eine gute und unsere Kinder nehmen bestimmt keinen Schaden von unserer Langzeitreise!

Welche Erfahrungen hast du vom Reisen mit Kindern? Schreib uns ein Kommentar, indem du uns von deiner bisher besten Reise mit Kindern berichtest. Wir freuen uns über deinen Tipp 😉 !!

2 thoughts on “Reisen mit Kindern und Mozarts Vater”

  1. Hallo ihr Lieben! Ich liebe es deine Beiträge zu lesen, Eva. Auch wenn unser Leben in dem Sinn keine „Reise wie die eure“ ist, ist es doch eine ungewöhnliche Art die Reise des Leben zu leben. 6 Monate in Österreich im Schnee, 6 Monate Zypern am Meer. Ständig hör ich „Wow das ist doch perfekt, ein Traum, besser geht’s gar nicht“. Wenn man aber hinter die Kulissen unseres Lebens schaut, schaut’s da schon bisschen anders aus. Ich sag jetzt mal so – es ist „Jammern auf sehr hohem Niveau“, aber trotzdem mach ich mir viele Gedanken, ob das alles so richtig so ist wie ich es mach und ja, jetzt ist es noch „leicht“. Wenn ich aber daran denke wie schnell die letzten 1,5 Jahre mit Cataleya verflogen sind kommt kurzeitig mal die Panik hoch was aus unserem derzeitigen Leben wird wenn die Schule losgeht!? Derzeit bin gerade noch so überfordert mit diesen Gedanken, dass mir oft ganz schlecht wird. Für mich kommt es gar nicht in Frage sie in Zypern in die Schule geben, also bleibt eigentlich nur die Option Schule in Österreich und Sommerferien in Zypern. In Wahrheit ist das aber keine Option und dann komm ich auch immer wieder auf den Gedanken der Möglichkeit Freilernen zurück. (Ich würd da bei Gelegenheit gern mal bisschen mit dir drüber plaudern) .. Tief versunken in deinem Grübeln kommt dann Gott sei Dank meine süße Kröte und reißt mich aus meinen Gedanken zurück ins Hier und Jetzt. Wenn ich mir was aus meiner Kindheit zurückwünschen würde wäre es die unglaubliche Gabe in jedem Moment im Hier und Jetzt zu leben. Dann seh ich Cataleyas strahlendes Gesicht sobald ich ihr die Schwimmflügel anzieh weil sie weiß es geht ab in Wasser und denk mir – JETZT ist alles gut, lass morgen morgen erstmal morgen sein. Sie wächst in einem unglaublich liebevollen Umfeld auf, am Strand, in unserer Wassersportschule, mind. 12h am Tag im Freien, ständig neue Leute die ihr alle so positiv entgegenkommen und 3 Sprachen ganz von selbst. Dadurch dass sie so viele positive Erfahrungen mit täglich neuen Menschen macht, ist sie sehr offen und kontaktfreudig. Sie schwimmt mit 1,5 Jahren schon fast alleine und hat vor so gut wie nichts Angst. Durch das ständig nackig sein geht sie schon (meistens haha) auf den Topf und wartet auf den täglichen großen Applaus von mind. 3 Zusehern, dann wird der Erfolg herumgetragen und jedem gezeigt ders sehen will oder auch nicht. 😉 Natürlich ist es manchen Tagen unglaublich nervenaufreibend wenn das Kind keine 10 Minuten ruhig sitzen kann und man bei uns IMMER hinterher sein muss weil es einfach gefährlich ist, aber ich seh so viele positive Effekte durch das Leben in 2 Ländern und zwar nicht nur die Sprache – die Kultur, die „Art des Alltages“, das Essen (sie probiert alles aus und mag auch so gut wie alles), die unterschiedlichen Menschen und Umfeld und natürlich 2 extreme vom Wetter her. Sie ist gesund, sie ist glücklich und lebhaft. Dann denk ich mir oft wie blöd ich eigentlich bin und so oft in meinen sorgenschweren Gedanken versink, mehr Vertrauen, mehr Fühlen was richtig ist nicht so sehr alles zerdenken, ein bisschen mehr „mal schauen was auf uns zukommt“ und mehr Momente genießen als sie vorüber ziehen zu lassen gefangen in Kopf und Verstand. Und um endlich auf den Punkt zu kommen – Ja, Reisen mit Kindern hat auch seine dunkleren Seiten, aber ich bin mir sehr sicher die hellen und positiven überwiegen. Die Kinder haben die Chance „mehr“ kennen zu lernen, sei es Menschen, Essen, Kulturen, Landschaft und aller Art Eindrücke die sie zu Hause nicht bekommen und sie werden reicher davon. Ich bin der Meinung alles was ich meinem Kind aus tiefstem Herzen zutrau schafft es auch und wird in irgendeiner Weise davon profitieren. Also liebe Eva, surfe, lache, liebe haha und ich wünsch euch erstmal alles Gute und freu mich wieder von euch zu lesen! Fühlt euch gedrückt und geküsst mit den liebsten Grüßen von der Insel. J.

    1. Liebe Judith! Wow, danke, dass du deine Gedanken so offen mit uns teilst. Du hast ganz recht, dass es letztlich ums Hier und Jetzt geht. Um das Herzensgefühl und Urvertrauen. Wir sind froh mit unserer Entscheidung, aber es ist schon so, dass man im Netz hauptsächlich die romantisierte Seite des Reisens mit Kindern präsentiert bekommt. Da war mir wichtig, mal ein wenig Ungefiltertes loszuwerden. Euch auch ganz liebe Grüße, Eva

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